Systemische Perspektive sowie Bindungstheorie und Entwicklungspsychologie

Wir Menschen sind mehr als "Homo sapiens", wir sind auch "Homo vinculum" - wir binden uns an andere. Erst in und durch Beziehungen werden wir ganz Mensch. Deshalb sind wir, auch unabhängig von den Beziehungs-Netzwerken, in denen wir heute leben und früher aufgewachsen sind, nicht ganz zu verstehen. 

Die systemische Perspektive

Die Systemische Therapie versucht Symptome und Verhalten Einzelner im größeren Zusammenhang des Gesamtsystems zu deuten. Statt auf das Individuum allein zu blicken, fokussiert sie das Netz aus Beziehungen, (impliziten) Familienregeln und Erzählungen, dessen Teil ein Mensch ist und innerhalb dessen er nach Lösungen sucht. Als "Familie" kann hier die Kernfamilie, aber auch die weitere Gemeinschaft oder Gesellschaft, in der ein Mensch lebt, betrachtet werden.

Der Systemische Ansatz versucht nicht zu vereinfachen, sondern ein Verständnis von und eine Kontaktaufnahme mit der Komplexität zu ermöglichen. Er lebt von der Vielzahl der Blickwinkel und ihrer Integration. So soll ein Raum geschaffen werden, in dem neue Erzählungen, neue Regeln und neue Lösungsversuche gefunden und ausprobiert werden können.

Hierzu bedient sich die Systemische Therapie unvoreingenommener Neugier und verschiedenster, teils sehr erlebnisorientierter, Werkzeuge und Interventionen. 

Bindungstheorie und Entwicklungspsychologie

Seit den wegweisenden Forschungen von John Bowlby und Mary Ainsworth zu menschlichem Bindungsverhalten und den gesundheitlichen Folgen unzureichender Bindung sind die Bindungsforschung und ihre Ergebnisse in verschiedenste Bereiche der Psychologie, Psychotherapie und Pädagogik vorgedrungen. Die zentrale Erkenntnis ist die, dass wir Menschen erst durch das Erlebnis von In-Kontakt-Sein gesunde eigene Individuen werden. Erst auf dem Fundament sicherer Bezogenheit zu einer Bindungsperson kann ein Kind sich selbst und die Welt entdecken und zu gesunder Autonomie heranreifen.
Edward Tronick vertiefte diese Forschung unter anderem mit seinem vielbeachteten "Still Face" Experiment noch weiter und kommt zu folgendem Schluss: 

"Mit jemandem Sein, empathisch sein, präsent sein sind schon wichtig, aber nicht genug, um eine Beziehung oder therapeutische Veränderung zu bewirken. Das aktive gemeinsame Erschaffen dyadischer Bewusstseinszustände, die neue Bedeutungsgebung ermöglichen, ist der [eigentliche] Prozess von Veränderung, von Beziehungsherstellung von Einander-Kennen-Lernen."
Edward Tronick, Vortrag am 13.09.2016


Aus diesen Erkenntnissen schöpfen gut untersuchte und hoch wirksame therapeutische Ansätze wie die Emotionsfokussierte Therapie nach Sue Johnson, die auch den Begriff "Homo vinculum" prägte. Auch diverse Ansätze in der Erziehungs- und Elternberatung schöpfen aus diesen Befunden.